Es macht einfach keinen Spaß mehr...
„In Anbetracht der gestrigen, heutigen und morgigen Lage der Welt kann kein Mensch ein wirklich glückliches Leben auf dieser Welt führen.“ Es ist doch pervers, dass man diesen Satz eigentlich jeden Tag sagen könnte und es wäre immer ein Stückchen Wahrheit dabei. Während die Bild-Zeitung darüber diskutiert, ob bei Jay und Indira alles fake gewesen oder jetzt wirklich das „Liebes-Aus“ gekommen sei, verhungern am Horn von Afrika fast über 4,5 Millionen Menschen. Während der Spiegel fragt, ob Silvana Koch-Mehrins Doktorarbeit wirklich nur auf Plagiaten beruht, werden in Israel die Menschenrechte durch das neue Boykottverbot wieder ein Mal verachtet. Während wir diskutieren, warum das Wetter in letzter Zeit so schwankt, wird in den USA darüber verhandelt, ob man die Weltökonomie vor die Wand fährt oder doch nur ganz knapp an der Wand entlang, so dass nur der Seitenspiegel daran glauben muss, aber nicht der Rest des instabilsten „Fahrzeuges“.

….und da fragten wir uns noch vor einigen Wochen, ob wir von Sprossen krank werden könnten. Die ganze Welt ist schon krank, warum sollte man dann nicht gleich noch den ganzen Unrat in Form von verdünnten Fäkalien ausscheiden, um dann letztendlich zu spät zu bemerken, dass die Niere mit verdaut wurde. Warum so makaber? Gegenfrage: Wie sonst?

Wie kann es sein, dass wirkliche Nachrichten von massentauglichen in wenigen Sekunden ersetzt werden? Wieso interessiert es uns, wie, wann und vor allem wo Strauss-Kahn das Zimmermädchen angefasst haben soll, wer die Haushälterin ist, mit der Arnie ein Kind gezeugt hat, als zur gleichen Zeit die „Burschenschaft“ über Ariernachweise diskutiert, Libyen Tag für Tag bombadiert wird, die griechische Armee sich Gedanken macht über einen möglichen Militärputsch, Merkel 200 Panzer in die Wüste nach Saudi-Arabien schickt und Assad weiterhin in Syrien sein Unwesen treibt?
…und da fragen mich immer noch Menschen, warum ich nicht mit einem Lächeln durch das Leben gehen kann? Angenehm ist es natürlich nicht so etwas zu lesen, aber meint ihr etwa, dass es angenehmer ist, in diesen Gegenden zu leben, derartiges durchzumachen?
Ich würde gerne auch positiveres lesen wie z.B.: Gaddafi tot, Assad tot, Scharif Scheich Ahmed tot, Obiang tot, Mugabe tot, al-Bashir tot, Kabila tot, Lukaschenko tot, Déby tot, Chomeini tot, Karimow tot, Bin Abd al-Asis tot, Jong-Il tot, Afewerki tot…makaber? Ja, wohlmöglich für einige von uns nicht gerade positive Schlagzeilen, dass ein Mensch gestorben ist, aber ist es nicht genauso makaber, dass ihr genau wisst, gegen wen Pietro Lombardi DSDS gewonnen hat, anstatt mindestens drei von den oben genannten Diktatoren zu kennen geschweige denn von ihren unmenschlichen Taten gehört zu haben?

Während wir also über den faulen, von Urlaub zu Urlaub springenden Griechen meckern, dass er unsere so schwer verdienten Steuergelder bekommt, leben immer mehr Griechen unter der Armutsgrenze. Dass Deutschland in der ganzen Sache wegen des Euros involviert ist, will keiner wirklich verstehen. Ein Dank an die populistische Bild-Zeitung! Da fällt mir gleich noch eine positive Schlagzeile ein: „Axel Springer – Verlag muss Insolvenz beantragen!“ Die Bild-Zeitung, die über die Tatsache berichtet, dass die schwedischen Fußballerinnen H&M-Unterwäsche tragen, hat ihr Existenzrecht verspielt.

Es macht einfach keinen Spaß mehr…




einemaria am 19.Jul 11  |  Permalink
es gäbe
für viele von uns nichts mehr zu schreiben. Und wer sich in den USA mit der Kassenkraft von Saveway anfreundet, hat jeden Tag das Gefühl, daß es nichts mehr zu sagen gäbe, vor lauter Freundlichkeit und Strahlen. Wer einmal mit dem Wohnort USA geliebäugelt hat, der weiß, wie wichtig der Unrat ist, über den man sich noch aufregen kann. Aus meiner Sicht tickert im Moment das ganze westliche System durch. 'Es sind nicht nur die Levy-irgendwas und die Vorstandsetagen, wo wir uns sozialverträgliches Frühableben wünschen, sondern das fängt schon bei meinem Chef an. "Wer nichts hat, dem kann auch nichts mehr genommen werden." Wir Schuldner können der Zukunft eigentlich relativ gelassen entgegentreten. Ich finde es spannender als in den 80ern, denn mehr Scheiße als damals sehe ich heute auch nicht. Sie tritt nur offensichtlicher zu Tage und das eröffnet uns Lösungen ... irgendwie, oder so ... ich weiß auch nicht

desue am 19.Jul 11  |  Permalink
traurig, aber wahr...

einemaria am 19.Jul 11  |  Permalink
traurig?
richtig trautrig ist es eigentlich erst, wenn man in Adrar oder Kidira seit Monaten mit der Fleischmaniose in den Beinen am Straßenrand schläft oder ein vierter Platz beim DSDS. Aber so sind wir auch deren Sprecher und Schreiberlinge. Das macht doch Spaß. Da können uns 90% unserer Nichtleser garnicht antworten. Deßhalb ist auf unseren Seiten auch nie was los ;(
Ich stelle fest, daß in Kidira noch kein Google-Auto durchgefahren ist. Gute Fahrt.

jagothello am 19.Jul 11  |  Permalink
Bauen lernen
So sind die Menschen, so sind sie. Der Konstruktivismus beschreibt das anschaulich in etwa so: Es gibt keine relevante Realität außerhalb der eigenen Sinneswelt. Nicht aus Bosheit oder Gleichgültigkeit, sondern in allererster Linie als anthropologische Konstante. Der "Sinn", die "Bedeutung", sind nicht in der Welt, sondern müssen aktiv hergestellt werden, um zu wirken. Es gibt, da bin ich anderer Meinung als Sie, durchaus mediale Angebote bei uns, die dabei helfen und die werden auch genutzt. Ich nenne mal die Titanic, die FAZ, Konkret. Da Konstruieren immer eine anstrengende Sache ist, werden die natürlich weniger gelesen. Ganz hübsches Layout, Ihr Blog- übrigens.

desue am 19.Jul 11  |  Permalink
Danke.
Ich stimme zu, natürlich gibt es auch Medien, die über weitaus wichtigeres berichten. ich bin selbst Faz-Abonnent(mydealz sei Dank), aber die Masse der Medienlandschaft sieht leider ganz anders aus.

btw: Ich bin ganz überrascht, dass ich plötzlich Kommentare bekomme. :)
Ihr seht es zwar (nicht mehr), aber das ist nicht mein erster hier geposteter Beitrag. Leider blieb die Resonanz fast gänzlich aus.

Schönen Feierabend! ;)

jagothello am 19.Jul 11  |  Permalink
Das kenne ich!

aussagekarzinom am 25.Jul 11  |  Permalink
@ jagothello
ich stimme mit deinem comment 'bauen lernen' weitgehendst überein...unter anderem bin ich dem konstruktivismus eigentlich sehr zugetan...
wenn man auch beim baumaterial eine skeptische, fundamental hinterfragende einstellung und herangehensweise nicht sein läßt, wird es sehr, sehr schwierig...

eine schwierigkeit die ich nicht missen möchte...

puncto Titanic, die FAZ, Konkret: ob deren tiefgang bezüglich gesellschafts- und systemkritik tief genug ist, wage ich da und dort doch zu bezweifeln...

lg