Mittwoch, 27. Juli 2011
Ist das Recht zu leben, eine Pflicht zu leben?
Durch soziale Strukturen, Lebensgeschichte oder Veranlagung gibt es Menschen in unserer Gesellschaft, die dieses Leben nicht leben können bzw. wollen. Angesichts der Probleme in unserer Welt, die Liebe gegen Leistung tauscht, in der egoistisches Konkurrenzdenken uns voneinander entfremdet, Angst vor der Zukunft die Gegenwart zur Qual macht, DARF es uns doch nicht wundern, dass sich immer mehr Menschen in ihre eigene Welt verschanzen.

Der falsche Gedanke, dass das Leben ein Geschenk sei, das man auf jeden Fall bis zum Ende auskosten solle, ist genauso falsch wie denen ihren eigenen Willen zu verweigern, den Freitod zu wählen. Alleine die Perspektive der Wahrnehmung erklärt die Chance selbstbestimmt handeln zu können, sich von den Qualen der Vergangenheit und Gegenwart zu lösen. Meist entsteht dieser Gedanke in dem Menschen aus einer affektiven Situation heraus, weniger eine für längere Zeit geplante Tat. Warum verwehrt man Menschen dieses Recht?

Obwohl der Freitod in der Geschichte sehr weit zurück geht, wohlmöglich genauso alt ist wie der Mensch selbst, wird er desweilen als nicht nachvollziehbar abgestempelt. Zunehmend wird er bagatellisiert und mit viel Misstrauen beäugt, als hinterfragt, warum Menschen in diesen inneren Monolog gedrängt werden.

Emile Cioran hat gesagt, dass es sich nicht lohne sich zu töten, denn man töte sich immer zu spät.

Die Kälte, die diese Welt birgt, die Versagensängste, die in einem geschürt werden, die eigene Sinnlosigkeit, die einem vor Augen geführt wird, die zunehmende Radikalisierung gegen Fremdes, die Anonymität und weitere Dinge treiben den Menschen dazu, eine ruhigere Welt oder zumindest die Alternative des Todes zu suchen, wenigstens den Gedanken daran. Denn alleine der Gedanke beinhaltet eine erschreckende Ruhe. Wer in sich gekehrt nur an sich denkt, der treibt in eine unendliche Stille….eine beruhigende Stille.

Das Gegenargument gegen den Suizid ist immer der angebliche Egoismus, der dem Umfeld in eine größtmögliche Trauer stürzen soll und wohlmöglich fehlinterpretiert als Rache gesehen wird. Jedoch liegt man damit falsch, denn jede erdenkliche Tat des Menschen ist egoistisch. Sei es die Hilfe einem anderen Menschen gegenüber, um vielleicht ganz nach Kants kategorischen Imperatives in einer misslichen Situation selbst Hilfe zu bekommen oder die Erziehung des eigenen Kindes, um in der Zukunft „abgesichert“ zu sein. Sogar die Trauer über einen durch den Freitod verlorenen Freundes scheint egoistisch. „Warum habe ICH nichts gemerkt?“ Warum konnte ICH ihm nicht helfen?“ sind die häufig gestellten Fragen, aber den Gedanken, dass man sich darüber freuen könne, dass dieser Freund das Leben beendet hat, dass er immer ablehnte, scheint den meisten Menschen abwegig.

„Niemand kennt den Tod. Und es weiß auch keiner, ob er nicht das größte Geschenk für den Menschen ist.“
-Sokrates-